Mythos vs. Psychologie · Stress & Belastung

Multitasking spart Zeit? Warum ständige Aufgabenwechsel uns langsamer machen

Mail beantworten, Teams-Nachricht lesen und nebenbei am Konzept arbeiten: Multitasking fühlt sich effizient an. Psychologisch passiert jedoch häufig etwas anderes – und jeder Wechsel hat seinen Preis.

Multitasking spart Zeit? Warum ständige Aufgabenwechsel uns langsamer machen

MYTHOS

„Wenn ich mehrere Dinge gleichzeitig erledige, spare ich Zeit.“

Multitasking

Es klingt logisch.

Du schreibst an einem Bericht. Eine Mail erscheint. Du antwortest kurz. Dann zurück zum Bericht. Das Handy vibriert. Nur schnell nachsehen. Anschließend noch eine Nachricht an die Kollegin – und weiter.

Am Ende des Tages hast du unglaublich viele Dinge angefasst.

Aber hast du sie auch effizient erledigt?

FAKT

Bei anspruchsvollen Aufgaben arbeiten wir häufig nicht wirklich gleichzeitig. Wir wechseln zwischen ihnen – und genau dieser Wechsel kostet kognitive Ressourcen. Psychologen sprechen dabei von Task Switching und den damit verbundenen Switch Costs. Experimente zeigen seit Jahrzehnten: Nach einem Aufgabenwechsel benötigen Menschen im Durchschnitt länger und machen häufig mehr Fehler als bei der Wiederholung derselben Aufgabe.

Psychologen sprechen dabei von Task Switching und den damit verbundenen Switch Costs. Experimente zeigen seit Jahrzehnten: Nach einem Aufgabenwechsel benötigen Menschen im Durchschnitt länger und machen häufig mehr Fehler als bei der Wiederholung derselben Aufgabe.

Dein Gehirn muss sich jedes Mal neu einstellen

Stell dir vor, du schreibst gerade einen komplizierten Text.

In deinem Kopf sind das Ziel, der letzte Gedanke und die Struktur des nächsten Absatzes aktiv.

Dann erscheint:

„Hast du kurz Zeit?“

Du wechselst zur Nachricht.

Das dauert vielleicht nur 30 Sekunden.

Aber anschließend musst du zurückfinden:

Wo war ich? Was wollte ich gerade schreiben? Was war mein nächster Gedanke? Genau darin liegt ein Teil des Problems.

Beim Aufgabenwechsel muss unser kognitives System das relevante Task Set – vereinfacht gesagt die gerade benötigten Regeln und Ziele – verändern und die vorherige Aufgabe gegenüber der neuen regulieren. Forschung zu Task Switching zeigt, dass dieser Wechsel messbare Leistungskosten erzeugt.

Warum fühlt sich Multitasking trotzdem produktiv an?

Weil Aktivität nicht dasselbe ist wie Produktivität.

Zehn beantwortete Nachrichten, drei geöffnete Dokumente und fünf kurze Rückfragen erzeugen ein starkes Gefühl von:

„Ich habe wahnsinnig viel gemacht.“ Bei einer Aufgabe zu bleiben fühlt sich dagegen manchmal fast langsam an.

Du sitzt 45 Minuten an einem Text.

Kein Ping.

Kein Wechsel.

Kein schnelles Erfolgserlebnis zwischendurch.

Und trotzdem kann genau das die effizientere Arbeitsweise sein.

Die American Psychological Association fasst die Forschung so zusammen: Die einzelnen Wechselkosten können klein sein, summieren sich aber bei häufigem Hin- und Herwechseln.

Nicht jedes Multitasking ist problematisch

Hier wird aus dem Mythos Psychologie.

Telefonieren und dabei langsam spazieren?

Kann problemlos funktionieren.

Die Waschmaschine einräumen und Musik hören?

Meist ebenfalls.

Problematischer wird es, wenn zwei Aufgaben gleichzeitig Aufmerksamkeit, Arbeitsgedächtnis oder bewusste Entscheidungen verlangen.

Zum Beispiel:

Konzept schreiben + E-Mails beantworten + Teams-Nachrichten verfolgen. Dann wird aus vermeintlichem Multitasking schnell permanentes Task Switching.

Ständige Unterbrechungen können zusätzlich belasten

Und es geht nicht nur um ein paar verlorene Sekunden.

Unterbrechungen können es schwieriger machen, die ursprüngliche Aufgabe wieder aufzunehmen. Experimentelle Forschung zeigt Leistungseinbußen nach Unterbrechungen, besonders wenn die Unterbrechungsaufgabe selbst kognitiv anspruchsvoll ist.

Eine randomisierte Studie untersuchte zudem biologische Stressreaktionen auf Multitasking-Anforderungen und Arbeitsunterbrechungen – ein Hinweis darauf, dass digitale Unterbrechungen auch als relevante Arbeitsstressoren betrachtet werden sollten.

Deshalb kann ein Arbeitstag voller kleiner Unterbrechungen überraschend erschöpfend sein, obwohl du abends kaum sagen kannst:

„Was habe ich heute eigentlich die ganze Zeit gemacht?“

Der CALULLA-Fokus-Check

Wenn du wissen möchtest, wie viel Task Switching in deinem Alltag steckt, beobachte morgen nur diese drei Dinge:

1. Wie oft öffnest du deine Mails, während du eigentlich etwas anderes machst?

2. Wie häufig reagierst du sofort auf Benachrichtigungen?

3. Wie oft musst du nach einer Unterbrechung überlegen: „Wo war ich gerade?“ Du musst noch gar nichts verändern.

Beobachte es einfach.

Vielleicht stellst du fest:

Nicht deine eigentliche Arbeit erschöpft dich am meisten.

Sondern die hundert kleinen Wechsel dazwischen.

Was hilft?

Du musst nicht acht Stunden vollkommen störungsfrei arbeiten.

Versuche stattdessen etwas Realistischeres:

Bündele ähnliche Aufgaben.

30 Minuten schreiben.

Danach Mails.

Dann Telefonate.

Dann wieder eine konzentrierte Aufgabe.

Und wenn du konzentriert arbeitest, dürfen Benachrichtigungen für diese Zeit verschwinden.

Das Ziel ist nicht:

Nie wieder wechseln. Sondern:

Nicht jede Unterbrechung darf darüber entscheiden, worauf deine Aufmerksamkeit als Nächstes gerichtet wird.

Mythos geprüft

❌ Mythos: Multitasking spart grundsätzlich Zeit.

✓ Psychologie: Bei kognitiv anspruchsvollen Tätigkeiten besteht vermeintliches Multitasking häufig aus schnellen Aufgabenwechseln. Diese Wechsel verursachen messbare Switch Costs und können Leistung und Konzentration beeinträchtigen.

Vielleicht ist produktiver arbeiten deshalb manchmal erstaunlich unspektakulär:

Eine Sache. Für eine Weile. Ohne dazwischen fünf andere anzufangen. Quellen

Für CALULLA würde ich unten eine kleine „Wissenschaftliche Grundlage“ ergänzen und nicht zehn Studien aufführen. Diese drei reichen für diesen Artikel:

American Psychological Association: Multitasking: Switching costs Monsell (2003): Task switching, Trends in Cognitive Sciences. Vandierendonck et al. (2010): Task switching: interplay of reconfiguration and interference control, Psychological Bulletin.

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